Das grosse Openair Spektakel   |   EN   FR

Stuart Samson, der Director of the Massed Pipes and Drums

Dieser magische Moment, wenn man hoch oben auf den Zinnen der Kaserne steht und auf die gefüllte Arena des Basel Tattoo herunterschaut. Das Publikum ist mucksmäuschenstill, alle halten den Atem an und warten gebannt darauf, dass man zu spielen beginnt. Stuart Samson kennt diesen Gänsehaut-Moment nur zu gut. Schon zwei Mal stand er als Lone Piper hoch über der Arena und verzauberte mit einem einzigen Dudelsack über 8‘000 Zuschauer pro Vorstellung.

Stuart Samson ist einer der begnadetsten Dudelsackspieler der Welt. Seit seinem achten Lebensjahr spielt er dieses Instrument und schon früh wurde klar, dass er damit Karriere machen würde. In der britischen Armee war er Pipe Major und schliesslich auch höchster Chef der Pipes and Drums der Armee. Stuart gewann diverse Auszeichnungen und holte viele Preise bei den Wettbewerben, die er bestritt. Er spielte schon mehrmals für die englische Königin und wurde im Jahr 2008 schliesslich mit dem Orden of the British Empire geadelt. Beim Royal Edinburgh Military Tattoo war Stuart jahrelang für das musikalische Programm der Massed Pipes and Drums zuständig und seit 2007 ist er Director of the Massed Pipes and Drums am Basel Tattoo.

Stuart, was ist es für ein Gefühl, wenn man als Lone Piper vor dem Publikum steht?

Es ist eine Art Nervenkitzel, wenn man alleine auf der Kaserne steht und die ganze Arena den Atem anhält und nur darauf wartet, dass man zu spielen beginnt. Das Adrenalin spielt natürlich auch eine Rolle, weil man so hoch oben und ganz nah am Rand steht. Wenn die Scheinwerfer dann angehen, ist man für einen kurzen Moment desorientiert. Weil der Moment aber so speziell ist und die ganze Arena gespannt auf dich wartet, vergisst man die Höhe schnell.

In den Jahren 2009 und 2013 hast du selbst als Lone Piper auf den Zinnen der Kaserne gestanden. In den anderen Jahren hast du jeweils den Lone Piper für das Basel Tattoo ausgesucht. Hat schon einmal ein Piper deine Anfrage abgelehnt, weil er zu grosse Höhenangst hatte?

(lacht) Nein, das ist noch nie passiert. Wobei es schon den einen oder anderen gab, der Bedenken hatte, ob er das hinkriegt. Ich instruiere die Piper aber im Voraus sehr detailliert. Weil ich selbst schon einige Male den Lone Piper verkörpert habe, kann ich sie gut vorbereiten. Ausserdem ist jeder Lone Piper natürlich gesichert, es gibt also keinerlei Risiko, wenn man dort oben steht. Das beruhigt die meisten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich der eine oder andere Lone Piper nach seinem gelungenen Auftritt einen Schluck Whisky gönnt, um die Nerven zu beruhigen. Ganz sicher, weiss ich das aber nicht (grinst).

Du suchst nicht nur den Lone Piper für das Basel Tattoo aus, sondern bist auch der Director of the Massed Pipes and Drums am Basel Tattoo. Was beinhaltet diese Aufgabe genau?

Bis zu 1,5 Jahre im Voraus wähle ich die Pipe Bands aus. Circa 10 Monate vor dem Tattoo beginne ich, das musikalische Programm zu entwerfen, ich suche die Lieder aus und arrangiere die Musik zu einem Ganzen. Die Bands erhalten die Musikstücke etwa 6 Monate vor dem Tattoo, damit sie genügend Zeit haben, um die Stücke einzustudieren. Die Pipe Bands aus der ganzen Welt treffen sich dann erst in Basel, ein paar Tage vor dem Tattoo, um gemeinsam zu üben.

Kam es schon einmal vor, dass eine Band unvorbereitet nach Basel gereist ist?

Die meisten Bands haben schon an anderen Tattoos mitgemacht und kennen deshalb die Anforderungen. Sobald ich die Bands alle vor mir habe, kann ich gut auf sie eingehen und ihnen helfen, falls sie irgendwo noch Defizite haben. Ich sehe meine Hauptaufgabe sowieso darin, die Bands zu einem Ganzen zu formen. Es soll eine Bande zwischen den einzelnen Formationen entstehen. Nur so können die Massed Pipes and Drums wirklich wirken.

Du sprichst von einem Ganzen. Die Massed Pipes and Drums am Basel Tattoo bestehen aus ca. 200 Personen. Alle zusammen formen jeweils die schwierigsten Figuren. Wie bringst du das den Bands in so kurzer Zeit bei?

Ich starte mit einem Plan, wie der Auftritt der Massed Pipes and Drums aussehen sollte. Natürlich muss ich das vor Ort dann noch anpassen, weil erst wenn wir es einstudieren, sehe ich, ob es auch so wirkt, wie ich es mir vorgestellt habe. Weil wir nur wenige Proben lang Zeit haben, um alles zu üben, habe ich eine spezielle Methode entwickelt. In jeder Formation ernenne ich gewisse „Marker“. Diese müssen sich an ganz konkreten Orten aufstellen. Die restlichen Personen orientieren sich an diesen Markern. So können wir die schwierigsten Figuren perfekt laufen.

Was macht für dich das Basel Tattoo so speziell? Was ist hier anders, als bei anderen Tattoos?

Das Spezielle ist, dass am Basel Tattoo eine enge Verbindung zwischen den Mitwirkenden und dem Publikum kreiert werden kann. Unter anderem entsteht dies durch den tollen Austragungsort: die Basler Kaserne liefert nicht nur ein wunderschönes Ambiente, sondern hat auch einen speziellen Einfluss auf den Klang. Es wird eine unglaublich tolle Tonqualität erzeugt. Unterstützt wird der Klang durch die spektakuläre Lichtshow. Die Arena in Basel erzeugt zudem eine ganz intime Atmosphäre. Das Publikum ist sehr nah an den Musikern, zum Teil auf Augenhöhe. Das lässt eine grosse Nähe aufkommen.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der den grossen Erfolg des Basel Tattoo ausmacht ist das Engagement der Leute, die dahinter stehen. Am Basel Tattoo herrscht eine ganz spezielle Stimmung und zwar nicht nur in der Arena, sondern auch hinter den Kulissen. Alle arbeiten hart, aber haben dabei einen unglaublich grossen Spass. Das spürt man. Ich bin immer wieder gerne dabei. Basel ist sozusagen zu meiner zweiten Heimat geworden.

Eine allerletzte Frage noch: Welcher Moment an einem Basel Tattos ist dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Ich war 2007 zum ersten Mal beim Basel Tattoo dabei. Es gibt viele Momente, an welche ich gerne zurück denke, deshalb ist die Frage schwierig zu beantworten. Musikalisch gesehen, kann ich aber eine klare Antwort geben: Das Finale im 2012, als wir „Band of Brothers“ gespielt haben. Ich war als Solo-Piper dabei und kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Auftritt zurück denke.

Vielen Dank, Stuart, für deine ausführlichen Antworten.

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