Das grosse Openair Spektakel   |   EN   FR

Turmgeflüster

Zwei Türme und ihre Sichtweisen. 

Der eine behauptet, im Rampenlicht zu stehen, der andere ist chronisch mürrisch und fühlt sich ungerecht behandelt. Zwei Türme erzählen von Ihren Erfahrungen am Basel Tattoo und warum der eine ohne den anderen doch nicht sein kann. 

 

"Er tut mir leid..."

Darf ich mich vorstellen: mein Name ist Turm, Kasernen-Turm. Ich bin, vom Hof aus gesehen, der linke der beiden Türme. Wobei links mit meiner politischen Ausrichtung rein gar nichts zu tun hat. Überhaupt bin ich nicht an Politik interessiert. Vielmehr freue ich mich über die vielen Events, die bei uns stattfinden. Insbesondere bin ich jedes Jahr gespannt auf das Basel Tattoo. Schon während des Aufbaus herrscht reger Betrieb in und auf mir. So darf ich beispielsweise ab dem ersten Tag der Aufbauphase eine Basel Tattoo Fahne auf meiner Plattform beherbergen. Mit grosser Freude lasse ich die Flagge wehen und zeige der Bevölkerung, dass schon bald der grosse Open Air Event beginnt.

Ich werde so richtig in Szene gesetzt.

So richtig in Szene gesetzt werde ich dann in der Show-Woche. Ganz im Gegensatz zu meinem Bruder-Turm. Mit Stolz präsentiere ich den Besuchern den Basler Stab auf meinem Dach und trage so zur einzigartigen Kulisse des Basel Tattoo bei. Naja, mein Bruder darf immerhin das Schweizer Kreuz beheimaten. Schade nur, dass man ihn nicht von überall her sehen kann. Er steht etwas im Dunkeln, fast schon ein wenig abseits. Bäume verhindern eine optimale Sicht auf ihn. Tja, ich werde halt von allen Sitzplätzen aus problemlos gesehen und bin darum von der gesamten Szenerie kaum wegzudenken. Natürlich ist das gleichzeitig auch eine Verpflichtung, denn schliesslich stehe ich praktisch nonstop im Rampenlicht. Diese Herausforderung, verbunden mit einer gesunden Portion Anspannung, nehme ich jedoch immer wieder gerne an. Es ist mir eine grosse Ehre, ein so wichtiger Teil der Austragungsstätte des Basel Tattoo sein zu dürfen.

Alle Zuschauer sind fasziniert von mir.

Zum Schluss des allabendlichen Programms werde ich dann zum eigentlichen Höhepunkt. Dann nämlich, wenn der Lone Piper auf meinem Dach zur Abendhymne ansetzt. Es ist mucksmäuschenstill und stockdunkel in der ganzen Arena. Nur ich werde von einem Scheinwerfer wunderschön beleuchtet. 8‘000 Besucherinnen und Besucher schauen zu mir und sind fasziniert von meiner Ausstrahlung. Und natürlich auch von den Klängen des Lone Piper. Ich bin für einen kurzen Augenblick das absolute Zentrum der Show und muss mich voll konzentrieren. In diesem Moment tut mir mein Bruder-Turm immer ein bisschen leid. Ich bin jetzt der Mittelpunkt. Er steht einfach da, ohne eine konkrete Aufgabe. Gut, ich bin auch ein bisschen froh, dass ich in diesem verantwortungsvollen Moment nicht alleine bin und jemanden habe, der mir dezent zur Seite steht. Er ist vielleicht nicht ganz so involviert in die Show wie ich, doch wäre er nicht da, würde definitiv etwas fehlen. Das Basel Tattoo lebt von der einzigartigen Szenerie. Er, mein lieber Bruder-Turm, trägt unmissverständlich zur Symmetrie der Kulisse und somit zu einem herrlichen Gesamtbild, im Hof der altehrwürdigen Kaserne, bei.

Es wird eine schöne Zeit.

Das nächste Basel Tattoo findet vom 19.-29. Juli 2017 statt. Ich freue mich jetzt schon auf das grosse Schauspiel und die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer, die uns besuchen. Und ich freue mich auf die Künstler aus der ganzen Welt, die die ganze Kaserne in ein farbenfrohes und musikalisches Spektakel verwandeln. Es wird eine schöne Zeit!

"Er wird bevorzugt..."

Grummel, grummel, grummel… Psst, jetzt seid mal leise. Hier auf dem Kasernenareal herrscht immer so viel Lärm. Ich will doch nur schlafen. Alles tut mir weh. Man merkt die 154 Jahre auf dem Buckel halt schon. Auch die Hitze vertrage ich schlecht. Grummel, grummel, grummel…. Wer ich bin? Gestatten, Kasernenturm Rechts. Was ich zu erzählen habe? Nichts… In der heutigen Zeit geht mir alles zu schnell, das ist nichts für mich. Grummel, grummel, grummel...

Früher war alles besser.

Früher! Früher war alles noch besser. Anno 1863 wurde ich gebaut. Als Teil des Kloster Klingental. Da herrschte noch Ruhe. Das waren noch Zeiten. Da wurde vornehmlich von Hand „gebüetzt“. Nicht mit all den lärmigen Maschinen. Da zählte die Arbeit noch was. Die Kaserne wurde damals von der Schweizer Armee genutzt. Auf dem Exerzierplatz sind sie stramm gestanden und ordentlich marschiert, die Soldaten. Es gab keinen Spielplatz und laute Kinder. Früher da hatte man noch Respekt, da wusste man noch, was Anstand bedeutet. Unglaublich, die heutige Jugend. Früher war halt alles besser. Grummel, grummel, grummel...

Der 26. Juli: ein grosser Tag.

Am 26. Juli 2006 war dann aber ein grosser Tag für mich: die erste Show des Basel Tattoo. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Während vier Tagen waren 38‘000 Personen bei uns auf dem Areal zu Besuch. Und es wurde wieder stramm gestanden und ordentlich marschiert. Ah diese Anfangszeit. Ich genoss die Aufmerksamkeit, den Trubel. Ich war mächtig stolz – die imposanten Formationen, die tollen Uniformen, die Lichtshow, der Applaus. Die ganze Stadt im Basel Tattoo-Fieber. Und mein Bruder und ich bildeten die Kulisse für dieses Spektakel.

Die Welt war aber schon im 2006 ziemlich ungerecht. Mein Bruder bekam schon immer viel mehr Aufmerksamkeit. Wenn er im Finale beim Auftritt des Lone Pipers jeweils beleuchtet wird und die gesamte Arena gebannt den Blick auf ihn richtet. Da komme ich mir dann schon ein wenig verlassen vor. Es gibt doch gar keinen Grund, ihn so zu bevorzugen! Schliesslich sind wir Zwillinge. Keiner kann sein ohne den anderen. Trotzdem ist der Fokus immer auf ihm. Ich werde ständig vergessen. Ich bin doch ein armer Tropf. Grummel, grummel, grummel...

Ich könnte vor Stolz platzen!

Aber wartet mal…. Es gibt einen Moment in der Show, da stehe ich mit geschwellter Brust da. Wenn die Schweizer Nationalhymne erklingt, bin nämlich ICH derjenige, der wichtiger ist. Wild flattert die Schweizer Fahne auf meinem Kopf. Ein Moment in welchem ich vor Stolz platzen könnte. In allen Rängen steht das Publikum auf und alle Besucher schauen bedächtig auf die Kaserne. Es ist jedes Mal wieder ein Augenblick, der verzaubert!

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